E&T
Galerie 
Events
Preview
Review
Trends
Media
Win
Sceneguide
Photography
Suche
Newsletter
Kontakt
Impressum
  Galerie Events Trends Scene Report Media Community
 
Events
 
 
La Biennale di Venezia
55th Art Exhibition
 
Galerie   Video
 
 
Giardini · Venice
[bbe|kj]
 
E&TDas Wissen Venedigs, das Wissen der Welt?
Biennale di Venezia 2013


Dieses Jahr ist es wieder einmal soweit. Alle zwei ungeraden Jahre findet die Biennale di Venezia statt. Für gut 5 Monate (1.06. – 24.11) wird Venedig wieder zum Akzent der zeitgenössischen und modernen Kunstszene. Dann überzeugt die touristische Kulissenstadt an der Adria als mitunter wichtigster Schauplatz für Kunst- und Bildungsinteressierte, wird ihr Besuch zum Muss für Kunstkritiker und Künstler aus aller Welt auf der Suche nach einer gewissermaßen grenzenlosen Kunsterfahrung – fernab der großen bekannten Museen in den großen Städten. Zu Biennalezeiten lässt sich die Kunst in nahezu jeder Ecke Venedigs finden. Ob nun beim Schlendern oder bei einer Schifffahrt mit dem öffentlichen Nahverkehrsmittel Venedigs, dem Vaporetto: überall erinnern die großen und die kleinen Plakate und Standhinweise an die als Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst geplante Ausstellung in der Stadt. Mancher Schauplatz der Biennale di Venezia liegt aber auch ganz versteckt und gar nicht so leicht zu finden in einem der so zahlreichen engen Gässchen. Fernab von ihrem im relativ beschaulichen Stadtteil Castello gelegenen Hauptschauplatz, den Giardini, oder auch ihres zweiten großen Ausstellungsstandorts – dem ebenfalls in Castello gelegenen Arsenale. Der Grund für diese zahlreich verstreuten Kunstausstellungen sind die von dutzenden Staaten und Künstlern angemieteten Räumlichkeiten in der ganzen Stadt und selbst noch auf den umliegenden Inseln. Diese Räumlichkeiten sind, bis auf wenige Ausnahmen von in Museen integrierten Ausstellungen, kostenlos zu besichtigen. Gerade das macht auch den besonderen Reiz einer kunstgeleiteten Stadterkundung Venedigs zu Biennalezeiten aus: die Mischung aus Kunst in den alten Palazzi, die ihre Tore nur zu Biennalezeiten öffnen. Die Pracht oder auch die manchmal verfallenen Mauern der alten Gebäude machen einen Besuch noch so lohnenswert - selbst bei möglicherweise enttäuschenden Kunstwerken.
Einige von ihnen bergen jedoch überraschend authentische Kunstwerke, wie zum Beispiel der Pavillon von Zimbabwe in der Nähe des Markusplatzes, der mit seinen kritischen Kunstwerken überzeugt.


E&TIn diesem Jahr findet nun schon die 55. Biennale di Venezia statt. Mit der Biennale fing es im Jahre 1893 an, als man damals im Stadtrat von Venedig vorerst beschloss, in Zweijahresabständen eine Ausstellung zu italienischer Kunst zu machen. Der gewählte Zeitpunkt der Förderung italienischer Kunst zum Ende des 19. Jahrhunderts ist dabei insofern nichts ungewöhnliches, da es die italienische Kunst zu dem Zeitpunkt - nach der Staatsgründung von 1870 - so lange noch nicht geben konnte. 1895 erfolgte dann, zwei Jahre nach dem Beschluss ihrer Realisierung, die erste Ausstellung, die im Titel schon auf eine gewisse Internationalität verweist: I Esposizione Internazionale d'Arte della Città di Venezia. Trotzdem sollte sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts die Kunstausstellung in Venedig wirklich internationalisieren, und so wurde erst 1907 mit dem Belgischen der erste nationale Ausstellungspavillon auf dem Gelände der Giardini gebaut.
Unter dem diesjährigen Motto Il Palazzo Enciclopedico versammelt sich die Kunst rund um den Begriff der Enzyklopädie. Verantwortlich hierfür ist der mit seinen 39 Jahren bisher jüngste künstlerische Leiter der Biennale, Massimiliano Gioni. Er nimmt sich mit diesem Ausstellungsmotto viel vor, und auf der Website der Biennale di Venezia wird er mit den markigen Worten zitiert, dass er ein Stück weit „the dream of universal, all-embracing knowledge“ verwirklichen möchte, dem schon seit langem „artists, writers, scientists, and prophets“ anhingen. Aber eine solche Kategorisierung des ausgestellten künstlerischen Materials ist nicht gerade einfach, und so beinhaltet der Begriff der Enzyklopädie schon seit den Enzyklopädisten Diderot, d’Alembert, Voltaire u.v.m. – und dann vor allem mit Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften – den zweifelhaften Versuch, das gesamte Wissensmaterial der Menschheit systematisch zu dokumentieren.

E&TAngesichts der unüberschaubaren Fülle an Material und dem Wissen von Gegenständen in jeder Einzelwissenschaft stellt sich das Motto der Biennale deshalb von vorn herein als ein schier nicht einzulösendes Versprechen dar. Es stellt sich deshalb die Frage, wie Gioni und die Künstler mit der Kategorie der Enzyklopädie umzugehen verstehen, mit einer Kategorie, deren Realisierung also von vornherein schon bewusst zum Scheitern verurteilt ist. Dieses geplante Scheitern spricht Gioni im Webauftritt der Biennale direkt an, vor allem, weil schon sein selbsternanntes Vorbild Marino Auriti mit seinem Museumsprojekt Il Palazzo Enciclopedico del Mondo scheiterte. In diesem Museum Auritis sollten alle in der Menschheitsgeschichte gemachten und noch kommenden Erfindungen ausgestellt werden.
Im Hauptpavillon der Giardini, also im nach der diesjährigen Kategorie gestalteten so genannten enzyklopädischen Palast auf dem Areal der Giardini, wird von Gioni unter anderem C.G. Jungs Rotes Buch ausgestellt. Allerdings geschieht das ohne jeden Hinweis auf die dem Werk Jungs zugrundeliegende Esoterik. Diese kommt dafür in den ausgestellten Zeichnungen aus dem Buch umso expliziter zur Geltung. Überhaupt scheint der Hauptpavillon auf dem Gelände der Giardini dieses Jahr zu einem Experimentierfeld für verschiedene Richtungen der Esoterik gemacht worden zu sein, womit sich dem Kunstinteressierten auch erst der ausgestellte und nicht gerade als Künstler bekannte Rudolf Steiner erklärt, der nicht nur Generalsekretär der esoterischen Theosophischen Gesellschaft in Deutschland war, sondern mit seiner Lehre der ‚Anthroposophie‘ auch den Grundstein für die Lehre an den Waldorfschulen legte. Warum hier diese visionistische, schemenhafte Kunst die Antwort auf die Frage bei einer Suche nach dem Wissen der Menschheit sein soll, erschließt sich nicht. Zumal sich die esoterischen Bewegungen allesamt auf das Ich oder, vorsichtiger ausgedrückt, das in sich verbleibende Subjekt zurückziehen, um dieses als den Maßstab für die Erkenntnis überhaupt zu veranschlagen. So betrachtet bleibt das von C.G. Jung auch noch irrationalisierte Innenleben des Subjekts der Garant für überhaupt etwas, also auch noch tautologisch als nur die Erkenntnis übers Subjekt selbst – ohne dass erkenntnistheoretisch ein Material, ein Objekt in diese Reflexion mit hereingenommen wird. An dem Jungschen Subjekt nagt offensichtlich das mystisch Okkulte als das von dem Subjekt unerkennbar abgeschiedene, dessen sich das Subjekt nur in Visionen oder Träumen annähert. Dass die Esoterik nun mal Material der Menschheitsgeschichte ist, zweifelsfrei. Ob diese allerdings aufgrund des Fehlens einer erkenntnistheoretischen Reflexion – und ein enzyklopädisches Wissen rekurriert eben unbedingt auf Wissen von einem dem Subjekt äußerlichen Material – in dieser Ausstellung adäquat als selbst das Wissen der Menschheit vermehrender Gegenstand ist, sei einmal dahingestellt.

E&TDoch im Hauptpavillon des Arsenale, der ebenfalls betitelt ist mit dem Motto Il Palazzo Encyclopedico, gibt es dennoch Kunstwerke zu sehen, die trotz der erneuten Anspielung auf den Mythos an Aussagekraft überhaupt nichts einbüßen. Die Skulpturen Hans Josephsons zum Beispiel, die auf den jüdischen Mythos des Golems anspielen,der der Legende zufolge eine aus Lehm gebildete menschenähnliche Gestalt ist und erst durch kabbalistische Magie geweckt werden könne. Josephsons Skulpturen des Golems wirken dabei so, wie das Wort Golem als ‚Ungeformtes‘ meint: unfertig, zerbrechlich, vergänglich – ganz so, als hätte sich das Material beim Eingriff Josephsons gegen seine Formung heftig gewehrt. Zum Ausdruck kommt bei Josephson ein unsäglich leidendes Subjekt, ein unförmiges, unfertiges Subjekt, das gerade durch seine unförmige Kreaturhaftigkeit an das leidende Material erinnert, das von Subjekt nicht wegzudenken ist: die Körperlichkeit.
Das Verwirrspiel von Esoterik, Outsider Art und die bisweilen exzessive Aufnahme von Arte-Povera-Konzeptionen in den nationalen Pavillons (vor allem die Kunst Sarah Szes im US-Pavillon) aber auch und vor allem in den Räumlichkeiten außerhalb der Giardini und dem Arsenale lässt die Biennale zu einem Drunter und Drüber der Erfahrungen am Gegenstand der Kunst werden., Hier geht der Bezug zum diesjährigen Motto genauso wie zur Sinnhaftigkeit oftmals verloren. Auf dem Gelände der Giardini kommt es vor allem dann zu Verwirrungen, wenn man den deutschen bzw. französischen Pavillon aufsuchen möchte. Steht man als ortskundiger Giardinibesucher im französischen Pavillon, so steht man dieses Jahr lediglich im Gebäude des französischen Pavillons. Inhaltlich befindet man sich im deutschen Pavillon. Möchte man die französische Ausstellung sehen, muss man dafür in den deutschen Pavillon gegenüber wechseln. Was war geschehen? Deutschland und Frankreich tauschten diese Biennale die Pavillons. Diese Idee von provozierten, bewussten inhaltlichen Verwirrungen ist nicht neu. Bereits 1948, auf der ersten Biennale nach dem II. Weltkrieg, wurde im deutschen Pavillon französischer Impressionismus ausgestellt. 55 Jahre später nun ist der Tausch der Pavillons von den beiden auswärtigen Ämtern als Geste zur 50-Jahr-Feier des Elysee-Vertrages gedacht worden, dem Vertrag, der damals die ökonomische und politische Zusammenarbeit der beiden Staaten besiegelte.
Dieses ganze Verwirrspiel um die beiden Pavillons treffend kommentierend, stellt der albanische Künstler Anri Sala im formell deutschen Pavillon bei seinem Auftritt für Frankreich eine Klanginstallation bereit. Auf Filmprojektionen sind dabei Konzertaufzeichnungen und Remixes von Ravels Klavierkonzert für die linke Hand zu hören wie zu sehen. Der Titel der Klanginstallation Ravel Ravel und Unravel spielt auf die Verwirrung offensichtlich an, heißt im englischen to ravel so viel wie verwirren.
Einlass
10:00Uhr